Enzo kostet vom Eingemachten

3. Enzo kostet vom Eingemachten

Von Lucas Monolog beeindruckt und befreit von der eventuellen Notwendigkeit, die universelle These womöglich ausgerechnet akademisch betrachten zu müssen – nichts verachtete er mehr, „Akademiker:innen sind keine Arbeiter:innen, sie reden nur über sie …“ – Enzo’s erfrischende, wie zutreffende Sicht der Dinge löste großen Beifall und ausgelassene Heiterkeit bei seinen Mitstreiter:innen aus (obwohl Akademiker:innen unter ihnen waren, was die Heiterkeit natürlich noch mehr anstachelte) –, befreit also von Überflüssigem genoss Enzo seither die Gesprächsrunden noch intensiver.

Mit innerer Genugtuung stimmte er beispielsweise Lucas weiteren Ausführungen zum Kapitalismus zu: „Demokratie und Kapitalismus schließen sich aus, weil ihnen zur Gänze unvereinbare Prinzipien zugrunde liegen. Kapitalismus ist der finale Zustand eines archaischen Herrschaftsprinzips, dem unverhohlen das Recht des Stärkeren innewohnt, wohingegen Demokratie ganz unverkennbar das exakte Gegenteil bedeutet – nämlich vom sogenannten „unten“ samt und sonders nach dem sogenannten „oben“ beförderte Entscheidungen und Handlungsstrategien, an denen alle Menschen gleichberechtigt beteiligt sind. Keiner in diesem Sinne – es ist übrigens der einzige Sinn, es gibt nur eine Demokratie – denkenden Personen würde es beispielsweise niemals in den Sinn kommen, die Menschen in „Gewinner“ und „Verlierer“ zu unterteilen, wie Kapitalist:innen es tun, denn es verstößt gegen Menschenrecht. Jenes Recht der Menschen freilich, die in unserer Verfassung überhaupt nicht vorkommen.

Brecht schrieb dazu: „Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw*. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.“
*Heutzutage zu ergänzen sind: …, eine/n durch die Umwandlung des Klimas zu gefährden, eine/n zum Erwerb und Neuerwerb qualitativ immer schlechter werdender Produkte zu verführen, ganze Staaten mittels Wetten auf Lebensmittelpreise Armut und Hunger leiden zu lassen, Löhne zu drücken zur Ermöglichung erhöhter Dividendenausschüttungen – insgesamt die Existenz schmarotzender Aktionär:innen überhaupt auch nur zu dulden, mittels Privatisierung nahezu sämtlicher Lebensbereiche immer neue Abhängigkeiten zu schaffen und so weiter und so fort.

Wen wunderts, unsere Verfassung ist von Kapitalist:innen hergestellt worden, zum Teil von jenen kapitalistisch durchseuchten Vertretern, die schon im Faschismus wussten, ihren Reichtum zu mehren. Bar jeder wirklichen, nämlich ehrlichen Auseinandersetzung mit der nahen Vergangenheit, wurden Menschenrechte so oberflächlich und allgemein gehalten wie irgend möglich – das Recht auf Eigentum aber konkret festgeschrieben. Dieser dreiste, aus schlichtem Eigennutz resultierende, überbordend Willkür und Wildwuchs zulassende Verfassungssatz allein verwandelt das eigentlich hehre Ziel der deutschen Verfassungsgebung in Makulatur. Dem Kapitalismus als der potentesten Wurzel des Faschismus wurde der rote Teppich abermals ausgelegt. Jener rote Teppich, der eigentlich aus der Welt geschaffen werden sollte – angeblich.

„Was um alles in der Welt hat das alles mit Demokratie zu tun?“ Enzo wurde ungeduldig. Amüsiert über die Zweideutigkeit dieser Frage – implizierte sie doch zutreffend die Antwort bereits auf die Frage nach dem Bezug des Kapitalismus zur Demokratie – skandierte die muntere Gesprächsrunde einhellig: „Gaaar nichts!“ – eben deshalb schlössen sie sich beide ja aus. Gleichzeitig forderte die Frage alle Gesprächsteilnehmer gleichermaßen heraus, Enzo endlich ihre Sicht auf die derzeit „herrschende“ Demokratie zu vermitteln.    Fortsetzung folgt …

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