FAU – mehr als nur Gewerkschaft

Kann eine Gewerkschaft als basisdemokratische Organisation
ohne bezahlte Funktionäre in der Bundesrepublik funktionieren?
Diese Frage versucht die anarchosyndikalistische FAU seit Jahrzehnten positiv zu beantworten.
In den letzten Jahren konnten zunehmend erfolgreiche Kämpfe
geführt und Mitglieder gewonnen werden.

Von: Christian Horn – 21. Juli 2021

ieder mal war es für migrantische Beschäftigte eine verzweifelte Lage. Nach der Insolvenz eines Spargelbetriebes drohten zumeist rumänische Erntearbeiter nach harter Arbeit leer auszugehen. Doch irgendwie bekamen Aktivisten der Gewerkschaft FAU Wind von der Sache und so regte sich organisierter Widerstand im Mai letzten Jahres. Wie schon bei dem Bau des großen Berliner Einkaufszentrum (spöttisch genannt Mall-of-Shame) konnten die FAUistas die skandalösen Arbeitsbedingungen ans Licht der Öffentlichkeit zerren. Dieses Mal scheint die Auseinandersetzung glücklicher für die Betroffenen auszugehen. Für die etwa 100 Beschäftigten konnten um die 100.000 Euro erstritten werden.

Es ist eine Stärke der kleinen aber kämpferischen Organisation diese Feuerwehrkämpfe energisch zu führen. Aktuell geht es bei der Buchhandlungskette Walther König für gekündigte Werkstudierende um ausstehende Entgelte und Einhaltung von Arbeitsrechten. Natürlich könnten sich die Akteure auf juristische Auseinandersetzung begrenzen. Aber es ist ein grundlegendes Anliegen der Gewerkschaft solche systematischen prekären Zustände durch Aktionen zu politisieren.

Die Gewerkschaftslandschaft in der Bundesrepublik wird dominiert von den Einzelorganisationen des DGB. Sie haben einen großen Funktionärsapparat und bieten Ihren Mitgliedern oftmals ein ausgedehntes Servicepaket an. Die Tarifrunden werden meistens nur mit Warnstreiks begleitet. In der Regel sind die Ergebnisse am Verhandlungstisch ohne große Konflikte, abgesehen von rhetorischen Gefechten, auf sozialpartnerschaftliche Weise schnell entschieden. Für die gut organisierten Kernbelegschaften insbesondere in den großen Konzernen lassen sich auch ganz ordentliche Bedingungen herausholen. Dennoch mussten auch hier immer mehr Zugeständnisse gegenüber der Kapitalseite abgetreten werden. Nicht selten agieren die Betriebsratsvorsitzende als Art Co-Manager und wechseln schon mal die Seiten wie aktuell bei VW in den Personalvorstand. Der Kapitalismus, die herrschende Wirtschaftsordnung, wird grundsätzlich nicht in Frage gestellt. Wenn es den eigenen Interessen dient, wird oft beim Abbau von fossilen Energieträgern und der Rüstungsgütern gebremst.

Der Anarchosyndikalismus, den die FAU vertritt, entwickelte sich als Gegenkonzept zu den Zentralgewerkschaften mit sozialdemokratischer Prägung. Die Beschäftigten sollten nicht nur ermächtigt werden ihre eigene Gewerkschaft selbst zu organisieren, sondern auch die Gesellschaft selbst zu verwalten und die Betreibe in Eigenregie zu übernehmen. Der Kapitalismus soll dabei ohne staatliche Gewalt überwunden werden. Sozialdemokratische und andere linke Parteien haben immer wieder gezeigt, dass durch reine Regierungsübernahme noch nichts gewonnen ist. Es musste immer eine breite soziale sowie emanzipatorische Bewegung in der Gesellschaft vorhanden sein, um Errungenschaften nachhaltig durchzusetzen.

Seit 44 Jahren befindet sich die FAU nun schon in der Aufbauarbeit, um an historische Vorbilder anzuknüpfen. Um 1920 konnte mit über 150.000 Mitgliedern von einer Massenorganisation gesprochen werden. Im Spanischen Bürgerkrieg war die anarchistische CNT mit über einer Millionen Mitglieder die soziale Kraft und konnte für kurze Zeit eine Agenda der Selbstorganisation in Wirtschaft und Kultur umsetzen. Doch nach herben und blutigen Niederlagen ist die Bewegung marginalisiert wurden. Lange Zeit dümpelte die 1977 gegründete FAU etwas vor sich hin. Doch seit gut zehn Jahren konnte sich die Organisation in einem unsicher gewordenen Arbeitsmarkt durch ihr resolutes Vorgehen in ihren Hochburgen allen voran in Berlin zu einer florierenden Basisgewerkschaft entwickeln.