Anarchistischer Antiparlamentarismus und Transformation der Demokratie

Ein kritischer Rückblick als Ausblick auf die Wahlen am 26. September

21. Juni 2021 | Lou Marin

n seinen Ursprüngen im ausgehenden 19. Jahrhundert war der Anarchismus ebenso antiparlamentarisch wie antistaatlich und antimilitaristisch. Die grundsätzliche Revolutionierung der kapitalistischen Gesellschaft strebte der Anarchismus generell mittels der direkten Aktion an, im Falle der Strömung des gewaltfreien Anarchismus mittels der direkten gewaltfreien Aktion und des zivilen Ungehorsams bis hin zum Generalstreik. Der Parlamentarismus war demgegenüber ein indirektes Vertretungssystem, das die Selbstorganisation der Betroffenen gerade verhinderte. Den integrierten, bis zum Ersten Weltkrieg machtlosen Parlamentarismus des Deutschen Kaiserreichs, die konstitutionell-parlamentarische Monarchie in England, die auf dem Blutbad der Pariser und weiterer Communes errichtete Französische Republik bekämpfte der Anarchismus zunächst konsequent.

Die Räte nach den Revolutionen 1917/18

Mit den Räten, begründet durch den Anarchisten Volin in der russischen Revolution von 1905, bildete der Anarchismus ein erstes alternatives Organisationsmodell aus: Räte aus Arbeiter*innen in den kapitalistischen Betrieben statt parlamentarischer Vertretungen auf politischer Ebene. Die anarchistische Revolution war eine sozial-ökonomische, keine politisch-militärische (Pierre Ramus). Der Anarchosyndikalismus bildete ein durchdachtes Modell von Produktionsräten (in Betrieben für die Produktion) und Konsumptionsräten (in Dörfern und Stadtteilen für die Versorgung) aus, das in der Rätebewegung während der Revolutionen nach dem Ersten Weltkrieg in Russland und Deutschland sowie in der spanischen Revolution von 1936 immer wieder kurzzeitig hegemonial, d. h. flächendeckend prägend wurde. Rudolf Rocker sagte etwa:
„Der Rätegedanke ist der bestimmteste Ausdruck dessen, was wir unter einer sozialen Revolution verstehen, und umfasst die ganze konstruktive Seite des Sozialismus.“ (1) Doch schnell erwiesen sich die Räte, vor allem auf den überregionalen Ebenen außerhalb der Betriebsräte, anfällig für die Übernahme und Dominanz durch politische Parteien, am Beginn der Weimarer Republik durch die konterrevolutionäre SPD, in der Sowjetunion durch die Bolschewiki, für die die Anarchist*innen noch kurz zuvor, Anfang 1918, das Parlament gesprengt hatten. Der anarchistische Aufstand von Kronstadt vor hundert Jahren, 1921, mit seinem Slogan „Räte ohne Kommunisten“, und seine Niederschlagung leiteten eine anarchistische Desillusionierung hinsichtlich der Räte ein.
Max Nettlau fürchtete angesichts dieser Erfahrung, künftig werde „die anarchosyndikalistische Minderheit auch in den Räten von Sozialdemokrat*innen und Kommunist*innen brutal unterdrückt; er sprach sich entschieden für Minderheitenrechte und Möglichkeiten solcher Minoritäten aus, ihre Projekte auch praktisch zu realisieren, indem sie Land, Produktionsmittel etc. zur freien Verfügung erhielten.“ Hierhin gehörten …